Giovanna Prandi

Die Künstlerin unternimmt in ihren Arbeiten von 1995 bis 2003 eine äußerst interessantes Experiment: Sie untersucht Formen des Geprägtseins der individuellen Existenz. Zu den Prägungsbedingungen zählen die Zwänge des alltäglichen Daseins, die Koordinaten eines Lebenslaufs und die Einflüsse unserer verschiedenen Kulturen. Durch die Überlagerung der Strukturen schafft es Giovanna Prandi, in ihren Werken, die fast wie Installationen wirken, die Sichtweisen oder Blickwinkel für den Betrachter zu öffnen.
In den aktuell ausgestellten Serien „Diversi punti di Vista“ und „Acqua“ setzt sie dies konsequent um und fast ist der Betrachter gezwungen, den Menschen und seine Umgebung aus allen Richtungen zu betrachten.
Mit der in unserem Leben allgegenwärtigen unterschiedlichen Sicht der Dinge hat sich Giovanna Prandi seit langem immer wieder in ihren verschiedenen Serien "Doppi Pensieri" (doppelt, im Sinne der 2 übereinander liegenden unterschiedlichen Ebenen ihrer Werke) mit einer außerordentlichen Dynamik an Ideen und unterschiedlichen Techniken auf ihre Weise auseinandergesetzt.
In ihren Bildern zeichnet sie zum Einen auf Basis von Fotos in hyperrealer Weise Objekte oder Personen unter Zuhilfenahme ihrer besonderen Technik eines schier unendlichen Kreisens des Bleistiftes. Zum Anderen nutzt sie überwiegend colorierten Polyesterharz, mit dem sie mehr auf informelle Art auf Acryglas arbeitet und dieses als zweite Ebene im Gesamtwerk vorsetzt. Die zweite Ebene ändert die Sichtweise auf das Objekt oder die Person der unteren ersten Ebene.
Es ist fast unverkennbar, dass Giovanna Prandi die Betrachter ihrer Arbeiten zum Überdenken seiner/ihrer Realitätswahrnehmung animiert und uns so einen Spiegel vorhält, auch wenn der individuellen Fantasie des Betrachters keine Grenzen gesetzt sind. Der Mix aus realen, figürlichen Darstellungen der jeweiligen Basiszeichnung und der eher abstrakten Darstellungen der darüberliegenden zweiten (doppelten = doppio) Ebene läßt in uns Fragen aufkommen, die wir uns in unseren unterschiedlichen und von Vorurteilen geprägten Sichtweisen zu den uns täglich beschäftigenden Reizthemen nur schwer beantworten können. Warum passieren Dinge und was bedeuten sie für uns, wie z. B. Kriege und Terrorismus, Katastrophen, die Finanzkrise, die Spekulationen, der Wert des Geldes oder die ordnungspolitische Maßnahmen…
…ebenso der öffentliche Wert bekannter Persönlichkeiten, Sportereignisse und Vieles mehr, was an Theman aktuell und/oder interessant für uns ist. Für die meisten von uns bleiben diese Themen abstrakt und letztendlich unbeantwortet, vor allem, wenn man sie mit den Sichtweisen anderer versucht zu vergleichen.
Die Reflektion dieser unterschiedlichen Sichtweisen und Abstraktionen – auch durch die Betrachtung von Giovanna Prandi's Kunst - macht wieder Hoffnung auf Weiterentwicklung.